AUF AUGENHOEHE pur – Sema im Interview


Hallo Sema, erst einmal wie geht es dir? Was machen deine Vorsätze für 2021?

Hi! Prima geht es mir. Status meiner Vorsätze für 2021 ist »work in progress«.

Viele unserer Follower:innen, Supporter:innen, Leser:innen und Kund*innen kennen dich natürlich schon, aber vielleicht magst du dennoch noch einmal erzählen, wie das alles mit AUF AUGENHOEHE kam?

Super gerne! Ich bin bereits sehr früh mit dem Thema Kleinwuchs in Berührung gekommen, da meine Cousine Funda kleinwüchsig ist. Wenn ich sie in der Türkei besucht habe und wir zum Beispiel gemeinsam shoppen waren, habe ich hautnah miterlebt, vor welchen Herausforderungen sie Tag für Tag steht. Und wie sich nach Recherche und vielen Gesprächen herausstellte, gab es einfach keinerlei gute Alternativen für Menschen mit Kleinwuchs vom Klamottenkauf bis hin zum Angebot – auf die nicht wirklich inklusive Modewelt zu reagieren. Während meines Modedesignstudiums habe ich beschlossen daran etwas zu ändern. Es lag für mich einfach auf der Hand.

Und warum machst du das? Was ist dir wichtig, wenn es um AUF AUGENHOEHE geht?

In meinen Projekten habe ich mich schon immer gesellschaftlich relevanten Themen gewidmet. Vor allem die Bereichen, die häufig ignoriert und übersehen werden, haben mich interessiert. 

Wenn ich aktuelle Ströme in der Modewelt und vor allem in den Sozialen Medien beobachte, wie Selbstliebe, Body Positivity oder auch Nachhaltigkeit, merke ich, dass die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen im Mainstream noch nicht ganz angekommen ist. Für mich ist Adaptive Fashion kein Trend, es ist die gleichwertige Sichtbarkeit von und Angebot für Menschen mit Behinderungen, die wir weiter und lauter fordern müssen.

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Selbstbestimmung immer wichtiger wird, dürfen wir nicht die Menschen vergessen, denen menschengemachte Barrieren im Weg stehen. Angefangen bei der Entscheidung, welche Kleidung man tragen möchte bis hin zur Wahl des eigenen Wohnverhältnisses: Unsere Gesellschaft bietet vielen Menschen noch nicht genug und auch nicht die gleichen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung. Ich halte Kleidung für einen essenziellen Bestand, um in der Gesellschaft zu funktionieren – Mode ist ein effektives Tool für die eigene Individualität und Identität. Diese Schritte müssen wir nehmen – und noch mal: wir können uns vor der Ungleichheit nicht verschließen.

Auch in den Medien und der Öffentlichkeit werden Menschen mit Behinderungen unterrepräsentiert. Beides hat zur Folge, dass durch fehlende Visibilität von Menschen mit Behinderungen ein Nebeneinander anstatt ein Miteinander geschaffen wird. Hinzu kommt auch, dass gesellschaftlich nicht offen und angstfrei mit dem Thema Behinderung umgegangen wird. Daher ist es kein Wunder, dass tabuisierte Themen eine besondere Sensibilität erfordern bzw. Hemmungen im Umgang oder Nicht-Umgang entstanden und verhärtet sind. Unsere Empfehlung ist hier ganz klar: Erstmal zuhören und verstehen! Ich bin eine große Anhängerin des Mottos: »Nothing about us without us« – um die Community zu zitieren. Damit Mode wirklich inklusiv werden kann, müssen wir gemeinsam für ein Aufbrechen alter Normen, im Kopf, der Politik und der Gesellschaft sorgen, und genau das ist mir bei AUF AUGENHOEHE wichtig.

»Für mich ist Adaptive Fashion kein Trend, es ist die gleichwertige Sichtbarkeit von und Angebot für Menschen mit Behinderungen, die wir weiter und lauter fordern müssen.«

Was wünscht du allen Labels, die genau wie AAH und natürlich du, einen Idealismus voranstellen, um was in dieser Welt zu bewirken?

Mir fehlt in der Modeindustrie eine echte Inklusion und Diversität, die inspiriert, vernetzt und Mut zum Andersdenken macht und Grund zum »anders sein« gibt.

Bei AUF AUGENHOEHE haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, der Modeindustrie zu zeigen, wie gleichberechtigter Umgang mit Personen, deren Körpermaße von konventionellen Proportionen abweichen, praktisch umgesetzt werden kann. Teilhabe in der Modewelt bedeutet für uns vor allem eine solidarische Haltung. Nur gelebte Inklusion kann gesellschaftlichen Wandel tatsächlich möglich machen. Mode ist hier der Antrieb und das Instrument für Veränderungen in unserer Gesellschaft und der Wirtschaft. Wirklich inklusiv zu handeln und Menschen in all ihrer Diversität mit einzubeziehen, sollte heute kein Hindernis sein.

Ich wünsche mir von allen Labels, die globale Verantwortung anzuerkennen. Dazu gehört zum einen aktiv gegen Diskriminierung und Verletzung von Menschenrechten vorzugehen und das entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Design, Produktion bis zum Verkauf. Zum anderen gehört dazu auch ökologische Verantwortung für die Entstehung von Bekleidungsprodukte zu übernehmen.

Was ist das besondere an AUF AUGENHOEHE? Von Produkt zu Vision? Was ist dir wichtig?

AUF AUGENHOEHE ist ein Unternehmen, das Mode für Menschen mit Kleinwuchs herstellt mit der Idee, die Modebranche diverser zu gestalten. Hierfür habe ich weltweit kleinwüchsige Menschen vermessen und erstmals ein Konfektionsgrößensystem entwickelt. Mir ist es besonders wichtig Inklusion in der Mode ganzheitlich zu denken und immer den Status Quo zu hinterfragen. Wer hat welchen Zugang zu Mode und Lifestyle? Wer sitzt nicht mit am Tisch? Um dies zu lösen arbeiten wir eng mit unserer Community zusammen, die aus Menschen mit und ohne Kleinwuchs besteht. Durch den engen Austausch und die jahrelange Zusammenarbeit mit unserer Community entstehen die Designs und die Kollektion, die es so nicht gibt. So produzieren wir nachhaltig nur Produkte die gewünscht sind und gebraucht werden. In Zukunft werden wir mit mehr Designer*innen zusammenarbeiten und gemeinsam Kleidungsstücke kreieren. Die Diversität innerhalb unserer globalen Community spiegelt die DNA unseres Unternehmens wieder. Auch aus diesem Grund bieten wir neben unserer Mode für Menschen mit Kleinwuchs, Produkte für jede und jeden an – ganz unabhängig der Körpergröße oder Proportion.

Müsste man nicht eine Welt ohne Größen, oder Normen schaffen, um die Hürden der Inklusion zu lösen (Anfang Größentabelle nötig, Intelligent, adaptive Produkte, Technikbezug, …)?

Unsere Vision ist es natürlich, in einer inklusiven und gleichberechtigten Welt zu leben - für alle Menschen.

Ready-to-Wear Mode, oder auch konfektionierte Bekleidung, ist seit vielen Jahrzehnten der Standard in der Bekleidungsindustrie. Durch diesen Demokratisierungsprozess war es plötzlich für viel mehr Menschen möglich, passende und modische Kleidung zu erhalten. Allerdings hat Konfektion viel zu lange nur einen vermeintlichen Massenmarkt abgedeckt. Im Versuch Mode für alle anzubieten, bot man Mode für einen bestimmten Figurentyp an. Menschen mit Kleinwuchs sind da nicht drunter gefallen und wurden von der Modeindustrie auch nicht weiter als Zielgruppe definiert.

Dabei sollte passende, komfortable und modische Bekleidung heutzutage doch für jede und jeden zugänglich sein, oder? Deshalb habe ich zunächst ein Konfektionsgrößensystem für kleinwüchsige Menschen entwickelt. Dadurch schaffe ich so erstmal einen gleichberechtigten Zugang zu Bekleidungsprodukten. Ich wollte in diesem Prozess nie das nächste spezielle Sonderprodukt erfinden. Es ging mir in dieser Entwicklung immer um den gleichberechtigten Zugang. Dafür muss man ja Prozesse nicht neu erfinden, sondern einfach kreativ umgestalten.

Ich habe also weltweit Menschen mit Kleinwuchs vermessen und so Körperdaten gesammelt. Zur Analyse der Proportionen und dem Ableiten von entsprechenden Konfektionsgrößen habe ich mit meinem Team eine passende Software entwickelt. Wir vermessen immer noch weiter Menschen mit Kleinwuchs und optimieren so unsere Daten. Dies ist vor allem wichtig, um eine perfekte Passform gewährleisten zu können. Hier steht die Forschung nie still. 

In der nächsten Phase werden wir das Größensystem insgesamt neu definieren. Ziel ist natürlich, sich von den »konventionellen« Größensystemen und Standardisierungen zu befreien und so eine gleichberechtigte Teilhabe an Mode und Lifestyle zu schaffen.

Eine Frage speziell zur derzeitigen Lage der Modewelt: wo siehst du Potenziale und Chancen auch für unsere Kund*innen?

Ich merke, dass mehr und mehr Unternehmen sich für das Thema Adaptive Fashion interessieren und sich damit beschäftigen. Wir bekommen zum Beispiel immer mehr Anfragen von Personen, Organisationen und Institutionen, die auf unterschiedlichster Weise mit uns zusammenarbeiten wollen.

»Tradierte Herangehensweisen müssen radikal neu definiert werden – egal, ob das ein inklusiver Laufsteg, eine nachhaltige Wertschöpfungskette, barrierefreies Design oder digitale Tools heißt.«

Die Pandemie bringt neue Ideen. Egal, ob es neue Geschäftsmodelle sind, neue Produkte oder Dienstleistungen. Unternehmen stehen unter der Herausforderung, alte Strukturen neu zu denken. Die Modewelt lebt doch davon, Traditionen zu brechen. Also warum krampfhaft an einer ausgrenzenden Tradition festhalten? Tradierte Herangehensweisen müssen radikal neu definiert werden – egal, ob das ein inklusiver Laufsteg, eine nachhaltige Wertschöpfungskette, barrierefreies Design oder digitale Tools heißt. Die Coronakrise bietet Unternehmen die Chance, sich endlich zu digitalisieren und aufgebaute Strukturen neu zu gestalten – im besten Falle: Inklusiver und diverser. Gerade jetzt, wo viele Menschen im Homeoffeice arbeiten, wird deutlich, wie wichtig es ist, digitale Tools zu nutzen, die das tägliche Arbeiten erleichtern. Die Krise zeigt uns, wie wichtig digitale Teilhabe und insbesondere auch Inklusion ist - überall.

Sema Gedik together with models with dwarfism AUF AUGENHOEHE
photo shooting models with dwarfism in sunset


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